2016 - heute
Zwischen Ideal und Notwendigkeit
Laufende Dissertation zur Aktualität und Relevanz und Leitbildes Europäische Stadt zur Bestimmung urbaner Qualität in neuen Stadtquartieren

Zunehmend wird in Deutschland eine mangelnde Qualität neuer Stadtquartiere konstatiert. Mit der ökologischen Krise und der Diskussion um nachhaltige Entwicklung ist die städtische Planung gefordert, globalen Anforderungen Rechnung zu tragen. Unter hohem Nachfragedruck nach innerstädtischem Wohnraum sind in den letzten Jahrzehnten in allen deutschen Städten neue Quartiere entstanden - zumeist Beispiele der Innenentwicklung, bei denen Brachflächen mit unterschiedlichen Vornutzungen wieder aktiviert wurden - deren Qualität offensichtlich hinter dem zurückbleibt, was sich ihre Entwerfer erhofften.
Um Chancen und Defizite neuer Stadtquartiere für die zukünftige nachhaltige und qualitätsorientierte Stadtentwicklung aufzuzeigen, widmet sich ➝ Astrid Bremer in Ihrer Forschungsarbeit einer vertiefenden Analyse des Leitbildes europäische Stadt und dessen Umsetzung in der Planung und Gestaltung neuer Stadtquartiere. Im räumlichen Leitbild materialisiert sich der Diskurs darüber, was Stadt sein und leisten soll, der Entwicklung neuer Stadtquartiere liegt es zu Grunde und formt den analytischen Bezugsrahmen.
Zwar definiert das Leitbild europäische Stadt die gewünschten Zielvorstellungen für eine nachhaltigen Stadtentwicklung, wie diese baulich umgesetzt werden in den neuen Stadtquartieren und inwieweit das Leitbild ein ausreichender Bezugsrahmen ist wurde empirisch bislang noch nicht untersucht und ist Gegenstand der Forschungsarbeit. Mit der Untersuchung soll die Bedeutung räumlicher Leitbilder in der kommunalen Planungspraxis in Deutschland und die Positionen leitender Stadtplaner:innen und Architekten:innen zu räumlichen Leitbildern erkundet werden. Wichtiger Bestandteil der Forschung ist eine Literaturrecherche nach bestimmenden Kriterien städtebaulicher Leitbilder als analytischen Bezugsrahmen für eine vergleichende Feldforschung von ausgewählten neuen Stadtquartieren und Empfehlungen zur Erweiterung des Leitbildes und dessen Anwendung. Insbesondere soll ermittelt werden, welche räumlichen Stadtstrukturen als geeignet angesehen werden, den gesellschaftspolitischen Zielen der ökonomischen Effizienz, sozialen Gerechtigkeit und ökologischen Nachhaltigkeit gerecht zu werden, und welche nicht.
Vom autozentrierten Verkehrsraum zum gemeinwohlorientierten Stadtraum - wie das gelingen kann, wird mit Studierenden und in Kooperation mit der Stadt am Beispiel der alten Talstraße von Geisweid bis zur Siegerlandhalle untersucht. Warum nicht eine Straße, derzeit gesäumt von großvolumigen Bauten, Discountern und Autohäusern, anders denken? Sich an ihre Anfänge als Allee erinnern? Straßenbahnen anstatt Autos pendeln lassen?
Die alte Siegener Talstraße sollte durch den Bau der Stadtautobahn entlastet werden. Heute, 50 Jahre später, ist sie eher ein Dorn im Stadtbild. In weiten Teilen erscheint der linear verlaufende Stadtraum als diffus und nicht zusammenhängend. Bautypologien, Dichten und Nutzungsstrukturen stellen sich als heterogen dar. Leerstehende Erdgeschosszonen wechseln sich mit versiegelten Parkflächen großvolumiger Bauten ab. Eine nachbarschaftliche Beziehung zwischen Geschäften über die Straße hinweg, das sprichwörtliche vis-á-vis, ist aufgrund der mehrspurig ausgebauten Straße in weiten Teilen ausgeschlossen. Trotz hoher Lärm- und Feinstaubbelastung wird hier gelebt, gewohnt und gearbeitet. Ein unbeschwertes Flanieren bleibt den Passant:innen vorenthalten. Mit der Vision eines Stadtboulevards untersuchten 60 Studierende die Talstraße von der Kernstadt Siegen über Weidenau bis Geisweid. Neben der städtebaulichen Analyse und der Forschung über ihre historische Entwicklung entwickelten die Studierenden auch erste Ansätze der Transformation zu einem nachhaltigen öffentlichen Stadtraum. Unterschiedliche Mobilitätsarten und deren veränderte Platzbedarfe wurden genauso betrachtet wie Maßnahmen zur Klimaanpassung und die Erfüllung neuer Bedarfe der Stadtgesellschaft. Mit Aufbau und Einrichtung des fsnlb, des Siegener Stadt- und Regionallabors, etabliert sich ein Ort, der sich gemeinsam mit der Stadtgesellschaft Ergebnissen und Fragen des Modells „Stadtboulevard“ auseinandersetzt. Dabei sollen aufbauend auf der vorliegenden Analyse neue städtebauliche Entwürfe für unterschiedliche Orte entlang dieses linearen Stadtraums entstehen.












